Meine Geschichte · Roland A. Puck
2016
SPiNNWERK · Lipton · Haltung
Ich darf goschert sein.

Lipton bringt Heißtee nach Österreich. Wir sollen die deutsche Kampagne „Lipton heißt willkommen“ adaptieren: ein Haus, in dem alle willkommen sind. Für mich wird es die politischste Kampagne meiner Karriere.
Susanne ist die treibende Kraft hinter der Haltungskampagne. Ich mache absolute Freiheit im Community-Management zur Bedingung. Mir ist klar, dass uns ein Shitstorm von rechts bevorsteht. Mehr noch: Ich will die Provokation bewusst als Reichweitenhebel nutzen. Susanne weiß das und lässt mich machen.
Das Sujet stammt von mir: „Offenheit versetzt Berge. Mehr denn je!“ Ich greife „Mehr denn je“ bewusst als Anspielung auf Van der Bellen auf. Es ist Bundespräsidentenwahljahr. Die politische Aufladung ist kein Versehen.
Die ersten 24 Stunden übernehme ich das Community-Management selbst, um mein Team zu schützen. Und weil ich es genieße, goschert sein zu dürfen. Ich habe volle Rückendeckung. Frech ja, bösartig oder aggressiv nein.
Ein Kommentar bleibt mir besonders im Gedächtnis: Ein Nutzer schreibt sinngemäß, bevor er unser „linkslinkes Gesöff“ trinke, trinke er lieber seinen eigenen Urin. Ich antworte sinngemäß: Na dann lass es Dir gut schmecken.
Weniger lustig sind Gewaltaufrufe auf Twitter gegen mich als verantwortlichen Agenturchef. Manche kommen nach meinem damaligen Erleben Mordaufrufen nahe. Susanne steht auch dann hinter mir. Ich fühle mich weniger bedroht als bestätigt: in der Haltung der Kampagne und in meiner Einschätzung der Angreifer.
DER STANDARD berichtet über die Mobilisierung, auch aus der identitären Bewegung, gegen Liptons Aufruf zu Offenheit und Austausch (DER STANDARD).
Mit dem Artikel dreht sich nach meiner Erinnerung die Stimmung. Auf den Shitstorm folgt ein Candystorm. Menschen zeigen Fotos ganzer Einkaufswägen voller Lipton-Tee, den sie gekauft haben, weil sie die Kampagne mutig finden.
Es hat funktioniert. Ziel erreicht.